3. Tag

Montag 28.06.04
von Ailly sur Noye nach – Hadancourt le Haut Clocher
– Fahrzeit 6,33h – Wegstrecke 91km – Summe 294km – Temperatur 13-28°C

Ein ganz schönes Stück bin ich heute meinem Ziel entgegen gekommen. Denn ich war um 6:15 Uhr bereits auf den Beinen. Wenn es auch schwer fällt aus dem warmen Schlafsack heraus nach draußen in die Kälte; zum duschen und fertig machen. Es hilft alles nichts, denn ich muss weiter. Gestern Abend habe ich noch ein nettes Ehepaar aus Westkapelle kennen gelernt. Die wiederum kennen eine Familie Luyendjk, mit der ich einmal befreundet war. Allerdings sind seit dem etwa 30 Jahre vergangen. Nach dem Frühstück bin ich um 7:35 Uhr bereits wieder „on Tour“ Richtung Breteuil. Beim Bäcker: un croissant et une baguette. Und weiter Hechts mal Berg mal Tal durch die fruchtbare Picardie. Hier wachsen Flachs, Tabak und Erbsen auf riesigen Feldern. Eine erste „Bergwertung“ steht an auf drei km Länge ein Anstieg um ca. 200 m. Mein Höhenmesser zeigt mir an, dass ich in der Summe bereits 1178 m erklommen habe. Die Franzosen nennen die Picardie voller Stolz die Wiege der Gotik und davon bekomme ich heute eine erste Kostprobe, die Kathedrale von Beauvais.
Kurz vor der Einfahrt in die Stadt überholt mich das holländische Ehepaar von gestern mit ihrem Wohnwagen, winken mir freundlich zu und wünschen mir noch einen guten Weg.

Beauvais Kathedrale Westwerk

Beauvais Kathedrale Westwerk

Chor der Kathedrale

Chor der Kathedrale

der Retable, eine prächtige Holzschnitzarbeit

der Retable, eine prächtige Holzschnitzarbeit

Die Kathedrale ist ein herrliches Exemplar gotischer Baukunst. Das Seitenverhältnis Breite zur Höhe ist gewaltig. Kein Wunder, dass das Gotteshaus im Laufe seiner Geschichte bereits einige Male eingestürzt ist, weil damals die Technik der Strebepfeiler noch nicht erfunden war, um die Horizontalkräfte aufzunehmen. In Vaux, einem kleinen Ort mache ich gegen 13:00 Uhr halt , um mir im schattigen Gemäuer eines abribus (Bushaltestelle) mein Mittagssüppchen zu kochen. Während ich noch das Wasser koche unterhalte ich mich mit zwei Frauen, die mit ihren Kindern auf den Schulbus warten. Wir kommen ins Gespräch und sie fragen mich freundlich nach dem woher und wohin. Später sitze ich drinnen im Schatten auf der Wartebank und löffele meine Suppe mit einem Stück baguette, Wurst und Käse. Ich schmunzele leise vor mich hin, weil ich da an der Wand etwas von Kinderhand hingekritzeltes lese: D.D. a un petit clito die Bekanntgabe geht in anderer Schrift weiter: ….et Daniel G. a une petite bite. Die Zeiten haben sich geändert, dass man ungezwungen über sexuelle Dinge spricht.

Madame Marie Françoise D. in Chaumont en Vexin, das ist eine Adresse, die ich von einem Freund mitgenommen habe und nun bin ich in diesem Ort angekommen. Unter dem Vorwand, in Mairie einen weiteren Stempel für meinen Pilgerausweis zu erhalten, frage dort wie zufällig nach der Adresse dieser Frau. Ich bekomme auch ganz bereitwillig Auskunft. Ein Jakobspilger ist halt so vertrauenswürdig, dass das Thema Datenschutz erst gar nicht zur Sprache kommt. So stehe ich kurz darauf vor dem Haus von Madame D., schelle an, sie öffnet mir auch gleich nach einer kurzen Erläuterung zu meiner Person, und gewährt mir freundlich Einlass und in herzliches Willkommen. Bei einigen Tassen Kaffee mache ich für ein 1 1/2 Stunden Pause während wir angeregt miteinander plaudern. Doch es wird Zeit zum Aufbrechen, damit ich noch eine Bleibe für heute Nacht finde. Wenn ich nichts fände, sagt mir Marie Françoise, könne ich ja zurück kommen, um bei ihr zu übernachten. Ich bedanke mich ganz herzlich für das freundliche Angebot, doch gebe ich zu verstehen, dass ein Pilger immer nur vorwärts und erst, wenn das Ziel erreicht ist wieder zurückgehen darf.

So versteht sich ja auch der Lebensweg. Nach einem herzlichen Abschied ziehe ich weiter und vielleicht nach 15 km mache schließlich Halt in Hadancourt le Haut Clocher, das kleine Dorf hat wirklich einen gewaltigen, alles überragenden Kirchturm.

meine 2. Nacht im Zelt auf Levemont

meine 2. Nacht im Zelt auf Levemont

Reste, - Erinnerung an eine alte Pilgerkapelle

Reste, – Erinnerung an eine alte Pilgerkapelle

Gernot auf Levemont

Gernot auf Levemont

rechts neben dem Kirchturm von Hadancourt erkennt man die Hochhäuser von Paris

rechts neben dem Kirchturm von Hadancourt erkennt man die Hochhäuser von Paris

Wieder in der Mairie frage ich nach einer Möglichkeit mein Zelt aufstellen zu dürfen „Pas de problème“, oben auf der Anhöhe in Levemont bei dem Monument ist eine frisch gemähte Wiese und wenn ich Glück habe kann man aus 60 km Entfernung den Eiffelturm sehen. Tatsächlich mit Hilfe von Karte und Kompass ist das Wahrzeichen von Paris auszumachen und besonders in der Nacht erkenne ich das kreisende Positionslicht auf der Turmspitze. Bei meiner Ankunft hatte sich schon ein junges Pärchen mit seinem Zelt etabliert. Um drei in der Früh werde ich von eindeutigen Geräuschen der beiden geweckt, obwohl mein Zelt in respektablem Abstand zu ihrem steht. Das war im Übrigen die einzige Störung, die ich während dieser ruhigen, sternenklaren Nacht erfuhr.

Bevor ich wieder einschlafe über denke ich nochmals den gestrigen so abwechslungsreichen Tagesablauf. Wenn ich so weiter voran komme rechne ich mir aus, würde ich vielleicht zwei Tage eher am Ziel sein. Doch das will ich ja gar nicht, und gewiss kommen bald noch ein paar beschaulichere Tage, wo es dann mehr Zeit zum Verweilen gibt.

Reiseweg
zum 4. Tag

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