10. Tag

Dienstag 02.August 05

Disentis/Mustér – Passo Lucomagno – Biasca – Osogna
Fahrzeit 5:14 h – Tages-km 70 – Gesamt-km 984 – Temperatur 7-20°C – erkletterte Höhenmeter 3794 m

Siegel des Klosters Disentis

Siegel des Klosters Disentis

Hier in Disentis/Mustér muss ich heute den Rhein verlassen. Ich habe seinem Wasserlauf auf etwa 1000 km zurück verfolgt. Am Anfang meiner Reise sah ich ihn als mächtigen Strom, wie er breit und behäbig dahinfließt, hier ist er ein brausend zu Tal stürzender Hochgebirgsbach, und es ist nur noch ein „Katzensprung“ bis zu seiner Quelle.
Da kommt mir dieses alte Indianerlied wieder in den Sinn, das ich gestern Abend auf einem Faltblatt in der Klosterkirche entdeckte. Es erzählt von einem Wasserlauf, in zwei Versen, die ich hier in englischer Sprache und auf Schwyzer Dütsch wieder geben möchte, wie ich sie vorgefunden habe.

„The river she is flowing, flowing and growing.
The river is flowing down the sea.
Mother carry me, your child I will always be.
Mother carry me, back to the sea!

En Fluss wo flüsst, tuet wachse, flüsse und wachse.
En Fluss, wo flüsst wird grösser, flüsst bis is Meer.
Muetter, träg du mich, dis Chind wird ich immer sii.
Muetter, träg du mich zrugg bis is Meer!

Unter den Versen nur noch ein kurze Erläuterung: Zitat: Mit Fluss ist aus indianischer Sicht der Weg gemeint, den ein Mensch zu gehen hat. Das Meer, das ist der große Geist, zu dem unser aller Weg einmal führt. Muetter, ist die Erde, deren Kinder wir alle sind.“

Eine recht anschauliche Metapher, die den Flusslauf mit dem menschlichen Leben vergleicht:
Ich versuche dieses Lied noch etwas zu interpretieren: Die Quelle, an der der Wasserlauf seinen Anfang nimmt, setze ich gleich mit der Geburt oder noch besser mit dem Beginn menschlichen Lebens. Dann holpert der Bach zunächst recht unbeholfen über Stock und Stein, macht so zu sagen seine ersten Gehversuche, und es erwarten ihn manche Überraschungen. Das könnte ein Wasserfall sein, der manche Freude, aber auch viel Leid, am Wichtigsten aber Erfahrungen bringt, die er unterwegs macht. Seitlich gesellen sich Bäche und kleine Flüsse hinzu; er bekommt Schwestern und Brüder, die ihn begleiten. In dieser jugendlichen Phase durchläuft der Wasserlauf manchmal schwere Zeiten; er wird eingepfercht in ein Leitsystem, – die Uferflanken sind oft stark befestigt, – um ihn in seinem Bett zu halten und wird auf diese Weise gezähmt und gebändigt. Etwas weiter abwärts plötzlich eine Zäsur. Der Fluss erfährt eine Metamorphose, in meinem Fall muss er durch den Bodensee. Ich deute es als Universität, in der das Individuum seine Identität zu verlieren scheint. Jedoch bereichert ihn dieser Lebensabschnitt ungemein und wird fit gemacht für das Leben. Wo der Fluss den großen See verlässt, ist die Wandlung vollzogen. Auf den Menschen bezogen könnte es die Zeit des Examens sein, voll gepackt mit Wissen und Ideen wird er nun auf sich alleine gestellt, in eine Welt entlassen, in der er sich jetzt alleine zurecht finden muss. Der einst schmale Wasserlauf ist jetzt schon zu einem beachtlichen Strom gewachsen. Ruhiger und gelassener fließt er nun dahin, vereint sich mit einem der größeren Flüsse, vielleicht eine Hochzeit? Es geht nicht immer gut, denn bei Hochwasser tritt er oftmals über die Ufer und verändert das umgebende Land. Zum Teil richtet er verheerenden Schaden an, zum Teil bringt er aber auch Gutes, wenn er mit seiner Flut brachliegende Wüste in fruchtbares Land verwandelt. Ein Vergleich zum Menschen liegt Nahe. Ich denke an die menschlichen Fähigkeiten und daran, was jedes einzelne Individuum daraus macht. Letztlich mündet der gewaltige Strom in das Meer und verschwindet scheinbar im Nichts, bleibt aber doch, zwar nochmals verwandelt, immer noch ein Teil des Ganzen. Das er sich nicht sinnlos ins Meer ergieß beweist die Tatsache, dass er wesentlich dazu beigetragen neues Leben zu bringen, dass Pflanzen und Tiere wachsen und gedeihen, damit so ein Kreislauf aufs Neue beginnen kann. Genau so ist der Mensch ein wichtiges Glied in dieser Kette und kann durchaus mit einem Wasserlauf verglichen werden.

Ich bin ja nicht mehr der Jüngste, und hatte gerade während der vergangenen Tage auf diese Weise rückblickend mein eigenes Leben neu erlebte. Wie an einem roten Faden bin ich diesem Wasserslauf bergauf entgegen gegangen und habe meine eigene Lebensgeschichte gleichsam zurück gespult. Ich werde unterwegs noch mehreren Gewässern begegnen, um diesen Gedanken vielleicht erneut aufzugreifen.

aus meiner 'Klosterzelle' hinunter nach Disentis

aus meiner ‚Klosterzelle‘ hinunter nach Disentis

Rückblick auf das Kloster Disentis

Rückblick auf das Kloster Disentis

rom05-10-072

die Klamm führt hinauf ins Medeltal

die Klamm führt hinauf ins Medeltal

auf dem Weg zum Lukmanier Pass

auf dem Weg zum Lukmanier Pass

Diese Nacht habe ich im ältesten Kloster der Schweiz verbracht. Die Benediktiner Abtei hat eine reich geschmückte barocke Kirche mit einem großen unmittelbar an das Gotteshaus angrenzenden Klostergebäude, jetzt ist es zu einem Teil eine Schule mit zugehörigem Internat. Nach dem Gottesdienst und einem Frühstück im Refektorium der Gäste will ich mich heute an den Aufstieg aufmachen, es geht hinauf zum Lukmanier Pass (1942 m über NN). Doch regnet es noch immer unentwegt seit gestern Abend und so mache ich mich erst mal „regentauglich“, ich ziehe Jacke und Hose über. Mein Weg führt mich erst durchs Dorf, dann hinunter an den Rhein, der hier etwa auf 1000 m Höhe liegt. Ich muss über eine Brücke und sehe da unter mir einen schmalen, schnell dahin fließenden, brausenden Gebirgsbach.

am Lukmanierpass

am Lukmanierpass

kaum zu glauben, das soll also der Rhein sein? Von jetzt an geht es bei strömendem Regen durch eine steile Klamm bergauf. An der ersten Straßengalerie kann ich gerade noch ein letztes Mal auf die imposante Klosteranlage zurückblicken, die, in Regen und Nebel gehüllt, nach einigen Straßenwindungen ganz verschwindet. So setze ich meine Kletterpartie fort, mal sehr steil, mal wieder etwas flacher, aber Meter für Meter steige ich hinauf zum Pass. Man kann sich leicht vorstellen, dieser Aufstieg ist für mich die bisher größte Herausforderung. Außer der für meine Verhältnisse gewaltigen Steigung, habe ich auch noch mit dem unaufhörliche Regen zu kämpfen. Er hat nach zwei Stunden alles was ich am Leib trage aufgeweicht, ich bin klatschnass bis auf die Haut. Schade, dass ich keine Aufnahmen mehr machen kann, ich hätte eine Unterwasser-Ausrüstung gebrauchen können. Etwa 10 km vor dem Pass muss ich mal ein Stück schieben, da überholt mich ein Auto mit deutschem Kennzeichen und hält vor mir an. Die Frau am Steuer fragt mich, ob alles OK sei mit mir und bietet mir eine Zigarette an, die ich auch noch dankbar annehme. Also Smalltalk bei einer Zigarettenpause, das war eine große Ermutigung für mich. Wieder mal ein Tunnel, da erkenne ich durch eine Galerie nach draußen den Stausee, von dem ich weiß, dass es nun nicht mehr so weit bis zum Pass sein kann. Auch zeigen mir Kilometerzähler und Höhenmesser, dass ich fast oben bin, das beflügelt mich, die letzten Höhenmeter lege ich fast wie im Traum zurück, und plötzlich erkenne ich das Hospiz. Ich bin am Pass angekommen. Die 21 Kilometer und 900 Höhenmeter habe ich in drei Stunden bewältigt und bin trotz allem überglücklich, dass ich es geschafft habe.

Ganz willkommen ist die Rast. Hier oben im Gasthaus, lege ich erst mal mein nasses Zeug ab und setzte mich ganz nahe an einen Heizkörper, um mich gleichzeitig ein wenig zu trocknen und zu wärmen. Ich zittere am ganzen Körper. Hoffentlich habe ich mir bei dem eisigen Regen da draußen keine Erkältung eingefangen. Nach einer großen Tasse Cappuccino bestelle ich mir auch noch eine warme Mahlzeit. Den Gedanken, hier die Nacht zu bleiben, verwerfe ich bald wieder. Wenn ich nachher gleich zu Tal fahre komme ich sicher wieder in wärmere Gefilde. Das ist bestimmt besser als morgen früh nochmals in Kälte und Regen hinaus zu müssen. Die Abfahrt ist am Anfang nicht ganz einfach, denn ein scharfer Wind peitscht mir den Regen ins Gesicht und ich muss höllisch auf meinen Weg aufpassen. Dann merke ich plötzlich, dass ich aus den Wolken herausfahre und fühle wie es wärmer wird.

Foto: mein Albergo in Ossogno

Foto: mein Albergo in Ossogno

Wenig später kann ich schon den Blauen Himmel ahnen und tatsächlich die Sonne kommt heraus. Das lässt mich bald alle Mühen vergessen; der Fahrtwind tut ein Übriges, denn als ich nach 40 km Abfahrt da unten in Biasca ankomme, bin ich schon fast wieder trocken. Hier treffe ich auf die mir gut bekannte Gotthardstraße, kenne mich also wieder bestens aus. Ein paar Kilometer weiter finde ich in einem Albergo gleich an der Straße eine Unterkunft, wo ich quer durchs ganze Zimmer meine nassen Sachen aufhängen kann. Der heutige Abend findet seinen Abschluss mit einem kräftigen Essen, bei dem auch ein guter Tropfen nicht fehlt.

mein Reiseweg
zum 11. Tag

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