3. Tag

Freitag 11.07.2003
von Saint Jean Pied de Port nach Pamplona (noch 840 km bis Santiago)

Heute geht es nun wirklich los, topographisch gesehen geht es nämlich richtig zur Sache, die erste Prüfung steht gleich bevor, denn wie ich schon erfahren habe ist diese erste Bergwertung eine der schwersten Etappen. Auf einer Länge von 10 km sind Steigungen bis 10 % zu überwinden. Im Übrigen eine herrliche Landschaft mit Laubwäldern und grünen Wiesen.

Schon sehr früh aus dem Schlaf gerissen, geweckt von unvermeidlichen Geräuschen der Frühaufsteher, – die ersten Fußpilger starten bereits um 4 Uhr in der Früh, – stehe ich auch auf, jedoch erst um sechs Uhr, mache mich fertig, packe mein Rad. Fast schon ganz fachmännisch, denn ich hatte vorher zu Hause bereits „zig“ Mal geübt. Nach einem kleinen Frühstück mache mich gegen halb acht auf den Weg.

Zunächst durch das Tal der Petite Nive, am Anfang nur gemächlich aber stetig ansteigend. Da liegt plötzlich ein Ungetüm vor mir mitten auf der Straße, es ist ein Berner Sennenhund, der erhebt sich, bellt mich Furcht einflößend an, stellt sich quer vor mein Rad und versperrt mir so die Weiterfahrt. „Un déjà vu?“ Mir kommt es vor, als hätte ich irgendwo so etwas schon ein Mal in einem Reisebericht gelesen. Ganz behutsam, stets das Untier im Auge, fahre ich links vorbei und radle unbeirrt weiter, der Hund ist immer noch auf Tuchfühlung neben mir. Man sagt ja auch, und ich denke mir das Sprichwort etwas abgewandelt: Hunde, wenn sie bellen, können nicht beissen . So gibt der Riesenfleischkloß, der fast schon einem halben Kilometer neben mir bellt und mich anfletscht doch schließlich auf. Vielleicht wollte er mich ja nur begrüßen

Ich passiere die französisch – spanische Grenze bei Arneguy nach 8 km und gelange, in das erste spanische Dorf Valcarlos (350 m üb. NN)
Die Straße steigt jetzt schon etwas steiler an. Sehr aufschlussreich ist der Höhenmesser, den ich am Rad mitführe, er zeigt mir neben der Uhrzeit und Temperatur die absolute Höhe in Meter über NN bis auf den Meter genau, vorausgesetzt ich habe ihn am Morgen bei Fahrtbeginn justiert, außerdem kann ich auch die relative Höhendifferenz sowie die Gesamtsumme der überwundenen Höhen ablesen. Meine Höhenkontrolle erlaubt mir also leicht, die noch zu überwindende Höhe zu ermitteln und gleichfalls auch die prozentualen Steigungen oder Gefälle mit dem zurückgelegten Tachoabstand zu errechnen und dies mit meinem Fahrplan zu vergleichen

Jedenfalls geht es ab Valcarlos mit der Steigung so richtig los. Ich komme ins Schwitzen und kriege Durst. Hin und wieder geht mir die Puste aus, sodass ich vom Rad absteigen und schieben muss; aber weil das Schieben mit den knapp 25 kg Gepäck einschließlich 2,5 Liter Wasser noch schwieriger ist steige ich schließlich doch wieder auf und fahre im Schritttempo im Zickzack quer über die Straße ganz langsam weiter. Ich schätze noch etwa 12 km bis zum Pass und noch 700 Meter Höhe sind zu überwinden. Das sind etwa 6%, das müsste doch zu schaffen sein, denke ich mir, aber immer wieder während dieser Zickzack-Fahrt will ich fast umkehren, weil ich nicht mehr weiter kann. Ein Trupp junger englischer Radrennfahrer macht mir Mut, denn sie haben offensichtlich auch mit dem Berg zu kämpfen. Zwar bin ich inzwischen physisch und moralisch wieder etwas gefestigt und sage mir du musst durchhalten, aber das stupide Weiterstrampeln fällt halt doch schwer. Während meiner größten körperlichen Schlappe holen mich zunächst Valentin dann Hans und schließlich auch Marcel ein. Valentin ermutigt mich, er sagt mir: „Nur weiter so, du musst durchhalten, oben machen wir Rast, wir warten auf dich. Und so erreiche ich schließlich nach einer nicht enden wollenden, äußerst beschwerlichen Fahrt sehr erschöpft aber überglücklich, dass ich es geschafft habe den Punto de Ibañeta an. Es ist 11 Uhr, dreieinhalb Stunden habe gebraucht und gerade mal 26 km zurückgelegt, ich bin auf einer Höhe von 1057 m über. NN angekommen.

auf dem Ibaneta

auf dem Ibaneta

Kapelle am Ibaneta

Kapelle am Ibaneta

Rast am Rolandsdenkmal

Rast am Rolandsdenkmal


Santiago von Roncesvalles

Santiago von Roncesvalles

bei unserer LiebenFrau von Roncesvalles soll man ein Salve Regina beten

bei unserer LiebenFrau von Roncesvalles soll man ein Salve Regina beten

Die Pause ist wirklich verdient. An der Böschung bei der kleinen modernen Kapelle werde ich von den dreien mit Händeklatschen begrüßt. Wir machen gemeinsam Rast. Ich verzehre mit Genuss meine noch von zu Hause mitgebrachten Hähnchenschenkel mit etwas Brot und viel Wasser.
Von jetzt an fahren wir gemeinsam weiter, zunächst einen Kilometer steil bergab nach Roncesvalles. Wir melden uns in der Herberge, ein weiterer Stempel in meinem Credencial. Ich betrachte das alterwürdige Kloster und die kleine Pilgerkapelle. Hier begegnet man erstmals wieder den Fußpilgern, die ja den wahren Camino (Pilgerpfad) noch 400 m höher über den Berg nehmen mussten. Man wünscht sich gegenseitig einen bon camino oder ruft sich ein ultreya zu, was soviel bedeutet wie guter Weg oder immer weiter und bekommt ein gracias, igualmente (danke gleichfalls) als Antwort zurück. Das macht Mut und gibt Ansporn seinen Weg fortzusetzen. Doch zum Verweilen bleibt nicht viel Zeit; es geht weiter, immer weiter bergab. Dann nochmals ein Aufstieg zum Alto de Mezquiriz, aber bei weitem nicht mehr so anstrengend. An einem Pilgerstele der Señora de Roncesvalles wird vermeldet, dass der fromme Pilger hier ein Salve Regina singen soll. Ein weiterer Höhenpunkt ist der Puerto de Erro, dann aber fällt die Straße wirklich schroff bergab ins Tal des Arga mit etwa 500 m Höhenunterschied. Das enge Tal weitet sich zusehends und wir kommen schließlich nach einer Tagesstrecke von gerade mal 76 km nach 8 Fahrtstunden hundemüde und erschöpft in Pamplona an.
Die ganze Stadt feiert schon eine ganze Woche lang das Fest ihres Patrons des hl. Firmin und wir geraten eben noch in die Schlussphase des Festes, auch bekannt durch den all abendlichen Lauf der Stiere durch die Stadt zu Ehren, des Stadtpatrons. Wir durchqueren eilig die Stadt, weil wir vom Festtrubel beunruhigt sind. Schließlich möchten wir nicht so gerne in das Stierrennen hinein geraten, bei dem es in diesem Jahr schon einige Verletzte gab. Marcel ist mir behilflich als ich plötzlich von der Anstrengung einen Krampf in beiden Beinen bekomme. Ich komme gerade noch vom Rad herunter und Marcel hat auch schon hilfreich ein Spray zur Hand. Das linder den Schmerz ganz allmählich etwas, sodass es nach ein paar Minuten wieder weitergehen kann; vorbei an der Citadelle der ehemaligen Befestigungsanlage gelangen wir, – jetzt schon wieder etwas außerhalb der Stadt, schließlich an eine Schule, deren Turnhalle während Ferien für die Pilger als Herberge umfunktioniert wurde. 120 Betten in einem Raum, nicht auszuhalten die Ausdünstungen der Mitpilger; ich entscheide mich rasch, die Nacht in einer großen einseitig offenen Baseball-Halle draußen zu verbringen, ausgestattet mit meiner selbstaufblasbaren Matte und einem dünnen Schlafsack, na, ob das gut geht? Der ist übrigens ideal für die hiesigen Temperaturen. Am Abend gibt es für wenig Geld in einem nahe gelegenen Restaurant ein reichhaltiges Pilgermenu. Es besteht aus Nudeln in Tomatenmark als ersten Gang, gefolgt von einem Schnitzel mit Fritten, schließlich einen Becher Eis und einen cafe solo dazu vino tinto de la casa und Wasser alles für 7,50 Euro. Der erholsame Schlaf ist nur kurzfristig, denn immer wieder gibt es Störungen wegen des Verkehrslärms auf der nahen Hauptverkehrsstraße. Dann um Mitternacht noch ein großes Feuerwerk das vom Stadtzentrum her über die Dächer den ganzen Pausenhof erhellt. Morgenfrüh werde ich die letzte von zu Hause mitgebrachte Tagesration aufessen.

zum 4.Tag

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