26. Tag

Mittwoch 21.07.04
von Portomarin nach Santiago de Compostela
– Fahrzeit 9,75h – Wegstrecke 102km – Summe 2148km – Temperatur um 16-28°C

Wenn ich so recht überlege sind es kaum mehr als 100 km bis zum Ziel. Ich habe mir jedoch vorgenommen in La Lavacolla noch eine Tagesetappe einzulegen, damit ich am Tag darauf recht früh in Santiago ankomme, um da eine Unterkunft zu finden. Allerdings habe ich noch von einer interessanten Begegnung von gestern Abend zu berichten. Während ich mir mein Abendessen zubereite, treffe ich in der Herberge einen Pilger aus dem Raum Berlin, der schon wieder auf seinem Heimweg ist. Nachher lade ich ihn zu einem „Earl Grey“ ein und wir unterhalten uns über die Motivationen, warum man sich auf den Weg macht. Dabei erzählt er mir eine ganz persönliche Geschichte.

Vor einiger Zeit, so berichtet er, hatte ich einen seltsamen Traum. Da geht auf einmal ein ganz in Weiß gekleideter Mann neben mir her; auch ich hatte etwas weißes an, aber es war nur mein Morgenrock. Der Mann will mir etwas sagen, aber ich verstehe ihn nicht. Mehrmals noch frage ich zurück bis mir endlich die Erleuchtung kommt, was er meint: Du musst nach Santiago gehen. Später wache ich auf und denke bei mir, Santiago, was ist denn das, noch nie gehört. Religion und Glaube, so erklärt er mir, hatte bei mir bisher noch keinen Stellenwert, – du musst wissen, ich bin in der DDR aufgewachsen, erklärt er sich quasi entschuldigend. Aber ich habe mich schlau gemacht und schließlich erfahren, dass der Pilgerweg damit gemeint war. Mit der Zeit, ich weiß heute noch nicht wieso, wurde es mein sehnlichster Wunsch mich auf den Weg zu machen. Als ich mir dann zum Geburtstag von meiner Frau etwas wünschen durfte, war es endlich heraus. Ich wünsche mir die Pilgerfahrt nach Santiago. Eine recht sonderbare Geschichte, kaum zu glauben, aber ich habe sie ihm abgenommen.

Seine Motivation hat mir zu neuem Ansporn verholfen, denn so früh war ich noch nie auf, sodass ich bereits um sechs bei völliger Dunkelheit auf dem Sattel saß. Die ersten Hinwesschilder musste ich noch mit der Taschenlampe ausfindig machen. In einer Venta (allein stehendes Haus mit Barbetrieb) trinke ich einen Kaffee und esse ein Croissant, draußen ist es immer noch stockfinster. Etwas später, es beginnt nun dann zu dämmern, da habe ich am Alto de Hospital doch etwas zu knobeln. Wo führt der Weg nun weiter? Ich bin vom Camino auf die Straße gewechselt und stehe an einer ganz verzwickten Kreuzung in zwei Ebenen. Nach einigem Suchen und fragen finde ich schließlich den Abzweig, er steht nicht einmal auf meiner Karte. Es geht weiter nach Ligonde, da steht für den Pilger immer ein Kaffee mit Milch und Zucker bereit, vielen Dank für die Bewirtung.

la Fuente de Ligonde, bitteschön, ein Kaffee mit Milch und Zucker gratis

la Fuente de Ligonde, bitteschön,
ein Kaffee mit Milch und Zucker gratis

die schönsten Momente auf dem Pilgerweg

die schönsten Momente auf dem Pilgerweg

.... hoppla, hier steige ich aber besser ab

…. hoppla, hier steige ich aber besser ab

Palas de Rei, das ist wirklich der schönste Teil des camino, und es lohnt sich, nicht die Straße abzufahren, denn man sieht viel mehr Natur auf dem Weg. Manchmal werde ich als Radfahrer zwar gezwungen abzusteigen, weil gar zu tiefe Furchen den Weg durchschneiden, oder weil ich förmlich durch den Morast waten muss. Aber denen die zu Fuß gehen, geht es ja auch nicht besser.

In Mellid habe ich eine lustige Begegnung mit einer französischen Pilgergruppe aus Lille, die gerade an einem Wegkreuz Picknick macht. Sie geben mir ein Rätsel auf. Aus den 14 Personen soll ich heraus finden, wer von ihnen Geschwister sind, zwei Schwestern, die sich sehr gleichen, außerdem gibt es noch zwei Schwestern und einen Bruder. Die beiden ersten Fragen kann ich ohne Schwierigkeit lösen. Weiter soll ich den Führer der Gruppe herausfinden.

die französische Gruppe

die französische Gruppe

Ich frage zurück, ist es derjenige, der bisher am wenigsten gesagt hat und habe schon jemanden im Auge, er ist es tatsächlich. Und wo ist der Medizinmann der Truppe frage ich nun meinerseits. Ja, es gibt einen wird mir bestätigt und während ich in der Runde einen nach dem anderen anschaue, beobachte ich, wie einer aus der Runde sich etwas verlegen umdreht, der ist es also und ich habe wieder recht. (Le candidat a 100 points). Bis der „leader“ zum Aufbrechen mahnt, werde ich mit Brot,Käse und einer Apfelsine bewirtet, mein zweites Frühstück heute.

In La Lavacolla hätte ich gerne meinen Tag beendet (siehe Santiago 2003), doch es gibt keine Herberge und mein Zelt aufstellen will ich auch nicht mehr so fahre ich gleich weiter, bis ich endlich am späten Nachmittag die vertraute Silhouette Santiago erkenne.

wer als Erster einer Gruppe ankommt ist König

wer als Erster einer Gruppe ankommt ist König

.... endlich angekommen

…. endlich angekommen

der Autor vor dem Parador Hostal de los Reyes Catolicos

der Autor vor dem Parador Hostal de los Reyes Catolicos

Die Herberge des vergangen Jahres ist wie erwartet um diese späte Tageszeit bereits „completo“. Also versuche ich es im Seminario, und fahre etwas weiter in die Altstadt hinein. Ich habe Erfolg, aber man kann immer nur eine Nacht da bleiben. Das heißt um 10 Uhr morgens gehen und ab 11Uhr kann man sich wieder anmelden. Eine gute Einrichtung um Dauerparker zu vermeiden. Von dort habe ich noch etwa eine viertel Stunde bis zum Zentrum, also mache ich mich auf den Weg, um meine glückliche Ankunft in der Officina de Agocida del Pregegino (Empfangsstelle für Pilger) zu melden. Dort bekommt man ja dieses wichtige Dokument, La Compostela, als Beweis für die erfolgreich beendete Pilgerreise. Diesee Urkunde erhält man jedoch erst nach Vorlage des Credancial, gefüllt mit all den vielen Stempeln, um die ich unterwegs täglich nachgefragt hatte. Auch werde ich gefragt, ob und in welcher Pilgermesse ich als Pilger genannt werden möchte. Da werden die täglich neu ankommenden Pilger verkündet, wenn sie es wünschen.

Noch am Abend besuche ich zum ersten Mal die Kathedrale und stelle mich in die lange Schlange der geduldig Wartenden zu einem ersten Besuch. Der Rundgang führt über eine Treppe hinauf hinter den Hauptaltar, vorbei an der goldenen Santiagobüste, und dann hinunter in die Krypta zum Grab des Apostels. Dabei läuft es mir kalt den Rücken hinunter, bei dem Gedanken, wieviele Mühen ich bis hierher ertragen musste, nicht Hitze, Kälte, Regen, Durst oder Hunger haben mich von meinem Weg abgehalten und jetzt bin ich endlich da, bin ich endlich gesund und wohlbehalten am Ziel angekommen bin.

In Portomarin habe ich erfahren, dass es im Hostal de Los Reyes Catolicos täglich morgens, mittags oder abends jeweils für die ersten 10 Pilger ein Gratisessen gibt. Allerdings muss man pünktlich sein und eine Kopie der Compostelana als Beweis dabei haben. Dazu will ich mich morgen rechtzeitig anstellen

Reiseweg
zum 27. Tag

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