Neues Geld

Lauringer Geschichten

Das neue Geld, die neuen Glocken, der neue Trainingsanzug

Hier will ich von Ereignissen berichten, die eng mit der Währungsreform im Zusammenhang stehen. Ich erinnere mich noch recht gut an diesen Tag, obwohl ich gerade mal sieben Jahre alt war, als eines Tages im Frühsommer 1948 meine Mutter zur Türe hereinkam und das neue Geld auf den Küchentisch legte. Kopfgeld wurde es genannt, weil jeder 40 DM pro Kopf erhielt. Das war zwar nicht viel, aber immerhin ein neuer Anfang. Damals gab es für das Kleingeld zunächst noch keine Münzen, es waren kleine Scheine für fünf und zehn Pfennige, die wie Spielgeld aussahen und kaum zunächst ernst genommen wurden. Immerhin weiß ich noch, dass der Bäcker Florian die Brötchen für fünf Pfennige das Stück verkaufte.

5-pfennig

10-pfennig

Bald danach kamen aber auch die ersten Fünf- und Zehnpfennig Münzen in Umlauf. Ganz stolz war ich auf mein erstes eigenes Geld, es waren gerade mal drei Groschen, die ich nach einer Hochzeit ergattert hatte. Damals war es Brauch dass der Bräutigam nach der Brautmesse für die Kinder Münzgeld auswarf, vielleicht um seinen Reichtum zu bekunden. Ich besitze noch immer ein Sparbuch der Sparkasse Hofheim-Königsberg. Darin steht als letzter Eintrag vom 17.6.48 vermerkt, dass mein Guthaben 710,48 RM beträgt. Leider hat dieser Betrag heute nur noch historischen Wert, denn die Währungsreform war drei Tage später am 20.06.1948. Jedenfalls konnte ab diesem Datum mit einem Schlag wieder alles kaufen, was das Herz begehrte, wenn man nur genug von dem neuen Geld besaß.

Und weil die Menschen wieder Geld hatten, gab es in der Gemeinde nun auch eine Initiative, die wohl hauptsächlich vom Pfarrer Ludwig Schinke ausging: „Wir brauchen neue Glocken“! Im Laufe des Krieges waren ja überall die Kirchenglocken zum Einschmelzen eingezogen worden, um daraus, – was für ein Wahnsinn, – Bomben für den Krieg zu gießen. Zwar gab es immer noch eine einzige, die läutete aber zu allen Gelegenheiten, an Werktagen, an Sonn- und Feiertagen, zur Taufe, zur Hochzeit, zum Begräbnis. Mal froh mal jubelnd mal traurig, aber halt immer nur eintönig. So kam es, dass der Pfarrer in Zusammenarbeit mit der Lehrerschaft eine originelle Idee hatte. Man wollte mit Hilfe der Schulkinder eine Benefiz- Veranstaltung ins Leben zu rufen, um an das fehlende Geld für die neuen Glocken zu kommen. Jede Schulklasse, so wurde beschlossen, sollte zu diesem Wohltätigkeits-Fest einen Beitrag leisten. Dafür wurde lange eifrig einstudiert, geprobt, geübt, genäht und gebastelt. Die Lehrerinnen Frau Wirt, Frau Walli Kotschner, die „Zöpfles Thres“, die Lehrer Herr Anger und Herr Teichmann, jeder von ihnen hat einen gehörigen Anteil am Erfolg dieses Festes beigetragen. Aber auch die Mütter wurden eingespannt, um aus dem Nichts, aus alten Lumpen, bunte Kostüme zu zaubern. Aus jeder Klasse, so glaube ich mich zu erinnern, wurden nur einige für die Aufführung ausgewählt, aber ich weiß noch ganz genau, dass wir alle vier, meine drei Schwestern und ich, jeder einen Part bei der Darbietung hatten. Dann war der mit viel Spannung erwartete Tag endlich gekommen. Es war im Advent; das Thema sollte deshalb auch einigermaßen weihnachtlich gestaltet sein, und wenn ich mich recht entsinne, fand die ganze Aufführung im Lokal beim Huslein statt. Die erste Klasse und ihr Thema Holland. „Wenn wir des Sonntags mal nach Holland geh’n “ so hieß ein Lied daraus. Meine jüngere Schwester Ursula spielte das Hollandmädel. Frau Kotschner, ihre Lehrerin, und meine Mutter hatten sie fein herausstaffiert mit Kleidern und einem paar echter Holzschuhe. Sie führte einen bühnenreifen Holzschuhtanz auf, der ihr viel Applaus einbrachte. Die zweite Klasse, das waren wir; uns beschäftigte das Thema Märchen. Wir sieben Jungen aus der Klasse, was liegt näher, führten das Märchen von den Sieben Zwergen auf und spielten und sangen dabei: „Wir sind die lustigen Zwerge faleri, falera, falerum“, -ein Lied, das ich noch recht gut behalten habe. „Hört ihr Herrn und lasst euch sagen“, war der Part einer höheren Klasse. Aber nun muss ich leider ein paar Jahrgangsstufen überspringen, weil ich keine Anhaltspunkte mehr habe. Jedenfalls wandelte sich die Angelegenheit mit den höheren Klassen immer mehr zu einem vorweihnachtlichen Festabend. „Im Tannwald ein Vöglein hat das Christkind geschaut“, das Lied hatte meine Schwester Ingeborg vorgetragen. Der krönende Abschluss war ein Krippenspiel, bei dem die Herbergssuche und Christi Geburt in mehreren Bühnenbildern aufgeführt wurden. Dabei hatte meine älteste Schwester Brigitte die Maria darzustellen. „Sternlein von Bethlehem, leuchtet so Hell“ war eines der Lieder und das Stück wurde so rührend aufgeführt, dass nur wenige Augen trocken blieben. Überhaupt stammten all diese musikalischen Ideen wahrscheinlich vom Lehrer Anger, der die Fülle seines großen Volksliedschatzes einer ganzen Schulgeneration weitergegeben hat. Jedenfalls war der Saal voll bis auf den letzten Platz und so hatte die ganze Gemeinde, und nicht zuletzt auch wir Kinder, einen Beitrag für die neuen Glocken geleistet. Ich glaube es war dann im Frühjahr des darauf folgenden Jahres, als es endlich so weit war. Drei frisch gegossene Glocken auf Fuhrwerken mit bunten Bändern geschmückt hielten in Stadtlauringen Einzug, begleitet von einer großen Menschenmenge. Ein hoher geistlicher Würdenträger aus Würzburg war eigens zu diesem Anlass heraufgekommen, um die Glocken zu segnen. Diese wurden anschließend äußerst behutsam mit einer Winde außen am Kirchturm hochgezogen und verschwanden im Schallloch, um an ihrem endgültigen Platz montiert zu werden. Das war dann nochmals ein großer Festtag, als ein paar Wochen später die Glocken wieder zum ersten Mal läuteten. Der Leser möge mir verzeihen, wenn ich die damals wichtigen Persönlichkeiten nicht genannt und die exakten historischen Daten nur ungenau wiedergegeben habe. Das alles konnte meine kindliche Perspektive damals noch nicht erfassen

Für uns vier Kinder gab es nach dem neuen Geld aber auch noch etwas Besonderes, wir bekamen nämlich neue Kleider. Unsere Mutter kam eines Tages vom Einkauf aus Schweinfurt zurück und hatte für jeden von uns etwas Neues zum Anziehen. Ich bekam einen neuen Trainingsanzug. Nun könnte man sagen, was ist denn so Besonderes daran, nein wirklich gar nichts. Aber wenn man so viele Jahre fast in Lumpen gekleidet gelebt hat, weiß man es zu schätzen, wenn man plötzlich, und sei es auch nur ein Trainingsanzug, etwas Neues anhat, was auch noch nach frischem Stoff riecht. Leider blieb mein Kleidungsstück nicht lange neu, denn kurze Zeit später veränderten sich Form und Farbe meines Kleidungsstücks abrupt: Es war etwa im März, wenn die Bauern wieder beginnen, ihre Felder zu bestellen. Bei den Glückerts im Haus schräg gegenüber ging ich ein und aus und ich fühlte mich bei ihnen wie Kind im Haus. Da fährt also Alfred Heusinger, der Sohn vom alten Glückert, gerade mit seinen zwei Gäulen einen Jauchewagen aus dem Hof heraus, sieht mich und ruft mir zu, „Du kannst dich hinten auf die Deichsel setzen und mir den Hebel zuhalten.“ Der Verschluss ist nicht so recht dicht und ein dünner Strahl drieselt auf die Straße. Also setze ich mich ganz brav hinten auf die Deichsel und versuche mit einem Ruck den Hebel zu schließen. Das klappt nicht gleich beim ersten Mal. So versuche ich es ein zweites und ein drittes Mal. Endlich beim nächsten Versuch bewegt sich etwas. Da ist es auch schon passiert: die ganze „Strotze“ ergießt sich über mich. Ich hatte den Hebel in die falsche Richtung gedreht, statt zu schließen ist der Verschluss nun weit geöffnet. „Himmelherrgottsakrament, du Hammel, du gscherter, du Saubankert du dragerter“, so rennt Alfred fluchend auf mich zu. Ich nehme sicherheitshalber so schnell wie möglich Reißaus, um nicht auch noch eine Tracht Prügel für meine so gut gemeinte Tat zu bekommen. Alfred verschließt rasch die Klappe wieder, auch er wird von dem Jaucheguss nicht ganz verschont. In weitem Abstand folge ich dem Fuhrwerk, denn derart heim zu kommen, daran war nicht zu denken. Es geht also die Beckenstraße hinunter, dann rechts ab am alten Brauhaus vorbei zu den Wiesen und Feldern nahe der Rangenmühle an der Alteburg. Man kann sich leicht vorstellen, dass ich – von Kopf bis Fuß besudelt – keinen besonderen Wohlgeruch verbreite und mich deshalb nicht eher nach Hause traue, bis das Übel wenigstens einigermaßen wieder beseitigt ist. So legte ich mich nahe der Lauer ins Gras um mich und meine Kleider von der wärmenden Sonne trocknen zu lassen. Mit dem Trocknen klappt das zwar ganz allmählich, aber dafür stinke ich fürchterlich, als hätte ich mich in einem Misthaufen gesuhlt. Ich bekomme noch mehr Angst davor, nach Hause zu gehen. Also ziehe ich den Trainingsanzug aus, wasche ihn in der Lauer und lege ihn zu zum Trocknen auf die Wiese. Daraufhin wird mir allerdings ganz schön kalt. Jedenfalls sind sie Sachen immer noch feucht, als ich sehr spät am Abend endlich nach Hause komme. Ich glaube meine Mutter hat damals nicht einmal geschimpft, sie hatte sich nur große Sorgen um mich gemacht und das Über war bald wieder beseitigt. Zwar hatte der Trainingsanzug durch die Jauche und das intensive Waschen etwas von seiner Farbe eingebüßt aber er roch zumindest nicht mehr. Meiner Geschichte mit meinem neuen Kleidungsstück würde jedoch das I-Tüpfelchen fehlen, wenn sie hier zu Ende wäre. Ein paar Tage später wollen Edwin Kaufmann und ich das Radfahren zu erlernen. Für unsere Versuche haben wir ein schweres Botenrad, ein Herrenrad aus der Spenglerei. Weil wir aber noch zu klein sind, um über die Stange zu kommen, probieren wir es unten durch. Abwechselnd hält einer den anderen hinten am Gepäckträger fest, um das Gleichgewicht zu halten. Doch da merke ich plötzlich, wie die Kurbel immer schwerer dreht und schon liege ich – das Rad über mir- auf der Straße. Da hatte ich die Bescherung! Meine neue, mittlerweile frisch gewaschene, Trainingshose hatte sich ganz fatal zwischen Kette und Zahnkranz verhakt. Es bewegte sich nichts mehr weder vor noch zurück. Nur mit Mühe konnte ich mich schließlich doch befreien, aber ich hatte mir dabei einen beachtlichen Haken in meine Hose gerissen, die nun wiederum von meiner Mutter gewaschen und geflickt werden musste. Ich habe das Turnzeug noch lange getragen uns es ist seitdem nie wieder etwas damit passiert. So habe ich das Radfahren erlernt, und es ist bis heute eine meiner schönsten Freizeitbeschäftigungen geblieben.

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