Leitgedanken

Pilgern, das ist kein Urlaub aus dem Reisekatalog, von Spezialisten bis ins Detail ausgearbeitet und vorbereitet, einschließlich einer Versicherung, die bei Naturereignissen, Aufruhr oder Krankheit in Anspruch genommen werden kann. Es ist auch keine Reise, auf der ich Computer gesteuert begleitet werde, die jeden Irrweg ausschließt. Und ist bestimmt keine Reise mit präzise gebuchter Unterkunft für die jeweilige Tagesetappe, wohin auch noch das lästige Gepäck in einem Begleitwagen täglich nachgebracht wird.

Meine Art zu pilgern bedeutet mir etwas anderes. Ich charakterisiere den Zustand des Pilger–Seins* so: Indem ich mich auf den Weg mache bedeutet es mir, dass ich mich aus der häuslichen Geborgenheit meiner gewohnten Umgebung loslöse und mich in eine fremde, unbekannte Welt begebe, ohne zu wissen, welche Mühsal, welche Gefahr und welche Entbehrung da auf mich zukommt. Ich beginne eine Reise ins Ungewisse. Es ist für mich ein abenteuerliches Wagnis, das ich da eingehe, denn ich betrete freiwillig Neuland und bin ganz alleine auf mich selbst gestellt.

Zum Pilgern gehört eine gewisse Selbstdisziplin:
– ich muss, allgemein betrachtet, für mich selbst sorgen, damit ich ans Ziel komme,
– muss mich um eine vernünftige Ernährung kümmern, damit ich bei Kräften bleibe,
– muss mit meinen Kräften haushalten, damit ich unterwegs nicht schlapp mache,
– muss an jeder Gabelung neu entscheiden, welchen Weg ich einschlage,
– muss mich um meine Sauberkeit kümmern, indem ich mich und meine Kleider wasche,
– muss mich üben in Askese, Entbehrung und Selbstbeherrschung, um in bestimmten Extremsituationen bestehen zu können.

In meiner Jugend war ich viele Jahre bei den Sankt Georgs Pfadfindern. Dieser Lebensabschnitt hat mein Leben geprägt; viele der Ideale, die ich damals anstrebte, gelten für mich heute noch und sind mir zum Lebensprinzip geworden.

Pilgern ist für mich aber ganz besonders eine Metapher des menschlichen Lebensweges schlechthin. Folgerichtig denke ich dabei an das Geborenwerden, das Leben und den Tot oder anders ausgedrückt sind es diese drei Formen: Werden, Sein und Vergehen. Es ist eine Evolution, vergleichbar mit dem Lauf des Wassers, das ständig neu entspringt und wächst und fließt, sich ins Meer ergießt und dort seine Identität verliert aber doch nie verloren geht, weil der Kreislauf stets neu beginnt und niemals endet. Der Gedanke macht mir Mut besonders, wenn ich alleine unterwegs bin; mitten in meiner Einsamkeit und Melancholie schöpfe ich wieder Trost, bin zufrieden und fühle mich geborgen.
Der aufmerksame Leser könnte meinen, dass wäre nichts für mich, bei all dem was bisher aufgezählt wurde ist das Pilgern gar nicht so aufrichtend. Tatsächlich gibt es Gott sei Dank noch eine Kehrseite. So liebe ich am Abend unterwegs, – nach aller Enthaltsamkeit und Anstrengung des Tages, – ein gutes Essen und einen kühlen, frischen Wein in angenehmer Gesellschaft. Dabei kommt die Unterhaltung nicht zu kurz, denn ich mag es ganz besonders, mit den Pilgern aus aller Herren Länder zu sprechen. Menschen mit gleichem „Ziel“ haben sich oft unendlich viel zu sagen. Die Stunden vergehen wie im Flug, bist es Zeit wird zum Schlafen gehen, weil ich am nächsten Tag wieder weiter muss. Pilgern ist kein Müßiggang, sondern aktives Leben. Morgens um sechs heißt es aufstehen damit ich bis zum Mittag etwa zweidrittel meiner Tagesetappe hinter mich gebracht habe.
Meine Pilgerfahrten empfinde ich auch als phantastisches Fest aller meiner Sinne. Ein Sonnenaufgang am frühen Morgen fasziniert mich immer wieder neu. Die Flötentöne eines Vogels, das monotone gurgeln eines Baches stimmen mich friedlich. Wie herrlich duften und schmecken die würzigen Kräuter in der Natur, weit weg vom lauten Getriebe der Zeit. Es ist für mich wunderbar, schon alteerlebte Sensibilitäten immer wieder neu zu entdecken. Oftmals kann ich bestimmte Wahrnehmungen mit Ereignissen aus meinem vergangenen Leben verbinden; der Auslöser könnte ein Naturereignis sein, der besondere Duft einer Pflanze, aber auch der Besuch einer Kathedale oder einer einsamen Kapelle.
Mitten in mein Pilgerleben hinein gehört ganz besonders aber der religiöse Aspekt. Es ist die Kernfrage meines Pilgerns als Lebensweg schlechthin, es ist meine religiöse Überzeugung: Meine Vorfahren, so belegt es unsere Familienwappen mit den vier Muscheln, waren seit Alters her „Jakobspilger“. Dieser Tradition fühle ich mich verpflichtet. Meinen Glauben an Gott haben mir meine Eltern vorgelebt, so habe ich ihn von klein auf geübt und praktiziert. Es ist ein einfältiger Glaube, in ihm finde ich jedoch Kraft, Hoffnung und Frieden gleichermaßen. Ich glaube vor allen Dingen an einen verzeihenden, gnädigen Gott, der mir in größter Not immer wieder Hilfe und Trost spendet und mir auch weiterhin beisteht. Einige meiner oben schon aufgezeigten Beweggründe sind mit meiner Frömmigkeit eng verknüpft. So bin ich gerne alleine, um die Nähe Gottes zu spüren. Ich mag dann nicht den lauten Trubel der Großstadt sondern ziehe mich viel lieber in die Weite der Natur oder in ein einsames Kirchlein zurück. Müsste ich mich selbst charakterisieren so denke ich dennoch nicht, dass ich ein „Einsiedler“ bin, ich suche stets wieder die Gemeinschaft. Aus der Kraft meines Glaubens heraus bemühe ich mich um den Frieden mit den Menschen. Ich versuche, meinen christlichen Glauben zu leben und übe mich immer wieder von neuem zu verzeihen und zu helfen und Schwierigkeiten geduldig und ausdauernd anzugehen, auch dann, wenn es manchmal sehr schwer fällt.
Nun zum Radfahren:
Gewiss viator* bezeichnet sinngemäß zunächst nur den Pilger, der zu Fuß unterwegs ist. Nun aber bringe ich mein Fahrrad mit ins Spiel und schaffe mir persönlich eine weitere Ebene, indem ich beides miteinander kombiniere zu „Pilgern und Radfahren“. Dieses phantastische Hilfsmittel Fahrrad, – Vehikel*, wie es mein Freund so treffend nennt, – ist für mich die beste Methode, sich fort zubewegen. Es erfordert zwar immer noch eine Leistung, die ich selbst mit meiner physischen Kraft aufbringen muss, denn zu Fuß könnte ich diese Leistung niemals mehr erbringen, wenn ich an die gewaltigen Wegstrecken denke, die ich auf meinen Rad in relativ kurzer Zeit zurücklege. Hinzu kommen noch die klimatischen Extreme:
Die Temperaturschwankungen, Kälte und Hitze zwischen 7°C und 45°C, dazu Gewitter, Regen, Hagel, und Sturm, all das macht mir zu schaffen, und wenn es überstanden ist, vergisst man die Mühsal bald wieder. Radwandern hat noch einen sehr schönen Aspekt: nach einer mörderischen Bergstrecke kommt immer wieder eine Abfahrt; noch schöner ist es, ohne große Anstrengung in der Ebene zu radeln, da ist auf einmal viel Zeit, sich die Schönheiten der Natur anzuschauen, was meine unzähligen Fotos beweisen. Ich muss gestehen, ich bin kein besonders trainierter Radfahrer, dafür jedoch um so ausdauernder. Hoffentlich bleibt mir meine physische Kraft und Ausdauer noch eine Zeit erhalten, um solche Touren angehen und durchzustehen zu können. Ganz bestimmt werde ich gefordert, besonders, wenn es an manchen Tagen nur bergauf zu gehen scheint. Nebenbei bemerkt habe ich ja noch etwa 25 kg an Gepäck mit zuschleppen, das sind hauptsächlich Kleidung, Zelt-Ausrüstung, Kochgeschirr, Verpflegung und Wasser.
Sich mit einem Radrennfahrer zu vergleichen, so kontrovers sind die Voraussetzungen: er ist nicht mals halb so alt wie ich, hat kein Gepäck, bekommt Essen, Trinken und Kleidung nachgetragen, und sein Rad wiegt gerade mal halb so viel wie meines. Dennoch haben wir eins gemeinsamen, wir fahren beide einem Ziel vor Augen, nämlich zu gewinnen. Allerdings ist der Gewinn, den ich anstrebe, von etwas anderer Art.
Der Weg ist das Ziel sagen die Pilger und es klingt fast schon ein wenig abgedroschen, weil es in vielen Lebensbereichen Anwendung gefunden hat, wenn es um Ausdauer und Durchhaltevermögen geht. Ich für meinen Teil kehre diese Formel lieber um:
Das Ziel ist der Weg
Für mich drückt diese Version den Augenblick, die Hoffnung und die Sehnsucht gleicher Maßen aus.
In diesem Zusammenhang hat ein Mitpilger mir einmal die folgende Legende erzählt; sie berichtet vom Aufbrechen, Ankommen und Neubeginnen:
Ein frommer, greiser Mönch liest in einem alten Buch:“ Am Ende der Welt, da wo sich Himmel und Erde berühren, beginnt das Reich Gottes.“ Er macht sich auf die Suche, um diesen Ort zu finden und nach einer langen Reise gelangt er an eine Tür, so, wie er es in dem Buch gelesen hatte. Darin heißt es weiter: „ du musst nur anklopfen, die Türe wird sich von selbst öffnen, und schon bist du im Reiches Gottes.“ Der Mönch klopft pochendes Herzens an; die Türe öffnet sich und er erkennt erst jetzt, dass er an der Schwelle seiner Klosterzelle steht.
Der Mönch macht die Erfahrung, das Reich Gottes beginnt genau da, wo Gott mich hingestellt hat.
Hier schließe ich den Kreis meiner Betrachtung, für mich sind Weg und Ziel eins geworden.
a-velo.gif

*ein paar lateinische Begriffe,

die ich, um ganz sicher zu sein, nachgeschlagen habe:
in statu viatoris =
im Zustand des Pilger-Seins
viator = Pilger/Reisender/Wanderer
peregrinatio = Aufenthalt im Ausland / in der Fremde/ Pilgerreise
peragratio = Durchwanderung
vehiculum = das Gefährt
von vehere, fahren.

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