27. Tag

Donnerstag 22.07.04
in Santiago de Compostela
– Fahrzeit 0h – Wegstrecke 0km – Summe 2148km – Temperatur 16-26°C

Bevor ich gestern Abend zurück ins Seminario kam, suchte ich noch die Herberge vom vergangenen Jahr auf und ließ mich für den nächsten und noch zwei weitere Tage vormerken. Ein wenig problematisch, aber ich habe dann doch eine Schlafgelegenheit bekommen. Im Seminario konnte ich noch rasch das Bett wechseln, denn ein Einzelbett war zwischenzeitlich frei geworden. Ist ja auch angenehmer, als ein quietschendes Etagenbett. Während ich, um meine Sachen zu holen, ein paar Mal hin und her lief, sprach mich eine Frau auf Englisch an. Es war eine Amerikanerin aus New York und da wir ein bisschen was zu erzählen hatten, lud ich sie zu einem Glas Wein in die Bar oben bei der Kapelle San Pedro ein. Angie erzählte mir, dass sie ganz begeistert von ihrem camino war, den sie ganz alleine zurückgelegt habe, teilweise in Gewaltmärschen bis zu 50 km am Tag oder auch in der Nacht, um der Hitze des Tages zu entgehen. Nun sei ihre Pilgerreise leider zu Ende, denn morgen fliege sie zurück nach Hause.

Heute früh, nachdem ich nun die Herberge gewechselt hatte, will ich erstmal die Busfahrt nach Barcelona regeln. Katja, meine Tochter hat für mich übers Internet schon einen preisgünstigen Rückflug gebucht: Flug am Dienstag den 27. Juli um 19:40 h nach Düsseldorf. Am Busbahnhof gibt es beim Unternehmen ALSA die passende Verbindung: das ist am Montag um 15 Uhr bis Dienstag um 8 Uhr, Fahrtdauer also 17 Stunden, zum reduzierten Pilgerpreis von 40 € einschließlich Fahrrad. Das wäre schon mal erledigt. Nun habe ich Zeit, viel Zeit, denn um 10 Uhr postiere ich mich an der richtigen Stelle vor der Einfahrt zur Tiefgarage und warte auf das Pilgeressen im Parador Hostal de los Reyes Catolicos.

der Parador Hostal de Los Reyes Catolicos

der Parador Hostal de Los Reyes Catolicos

meine spanischen Mitpilger warten auch auf das Pilgeressen

meine spanischen Mitpilger warten auch auf das Pilgeressen

Tatsächlich bin ich der erste, habe also Aussichten. Zwischenzeitlich beschäftige ich mich mit meinen Notizen, mache ein paar Aufnahmen auf der Praza do Obradoiro bis eine gute dreiviertel Stunde später noch zwei junge Spanier dazukommen. Die meinen zwar, eher da gewesen zu sein, aber was macht’s, 1. oder 3. in der Reihe zu sein. Nein es gäbe noch fünf weitere, auch gut dann sind wir also schon zu acht Personen. Ich freunde mich ein wenig mit Pablo an und wir erzählen uns gegenseitig von unserem Pilgerweg. Wichtig ist es, sage ich ihm, die Schönheit und die Bedeutung auch in den kleinen Dingen zu sehen, sowohl in der Architektur wie auch in der Natur. Darauf erwidert er mir, es gibt im Spanischen ein ganz ähnliches Sprichwort: „El mejor perfume es el que viene en el frasco más pequeño“ (die besten Parfums bekommt man nur im sehr kleinen Fläschchen) Um elf gesellt sich noch ein Pilger zu uns und schließlich kommt noch ein Ehepaar dazu, wir sind also elf Personen, die nun warten. Punkt 12 erscheint ein Mann in der Livrée des Hotels und fragt, wer sind die 10 ersten. Harte Sitten, denn das Ehepaar wird rigoros geteilt, der Mann muss draußen bleiben, weil er die Nr. 11 ist.

ein Patio (Innenhof)

ein Patio (Innenhof)

hier wird morgen der König speisen

hier wird morgen der König speisen

und noch ein Patio

und noch ein Patio

Wir werden durch den Haupteingang des Hotels geführt, durchschreiten mehrere prächtige Innenhöfe, kommen an dem Speisesaal vorbei, in dem der König übermorgen speisen wird und erreichen schließlich den Comedor de Peregrinos (Speiseraum für Pilger).Ein kleiner Raum mit zwei Tischen und tatsächlich nur zehn Sitzplätzen. In der Küche dürfen wir unser Essen abholen. Ein kräftige Pilgersuppe, mit weißen, dicken Bohnen (albidongas), Kartoffeln und Fleischeinlage, dann gibts es ein Stück gebratene Kalbsrippe, Pommes Frites, mit Brot, dazu ein Glas Rotwein und eine Pfirsich zum Nachtisch. Kein Festtagsmenü also, aber einmal im Hostal de los Reyes Catolicos gegessen zu haben, das war etwas ganz Besonderes für mich und es war mir die Sache wert, dass ich so lange gewartet habe.

zum Speiseraum der Pilger

zum Speiseraum der Pilger

beim gemeinsamen Essen

beim gemeinsamen Essen

und hier noch zwei

und hier noch zwei

Am Nachmittag habe ich viel Zeit. Erst gehe ich nochmals in die Kathedrale und bummele nachher in aller Ruhe durch die Altstadt. Bei der Universitätsbibliothek haben Pilger freien Zugang zum Internet, das nutze ich natürlich, schaue in meine Mailbox und beantworte ein paar Briefe, die mir verschiedene Freunde und Bekannte als Ermutigung für Unterwegs zukommen ließen. Um 18 Uhr ist die feierliche Pilgermesse in der Basilika. Und tatsächlich zu Beginn der Messe die Verkündigung der eingetroffenen Pilger. Ich werde gleich als erster genannt und das lautet dann etwa so: Un ombre aleman con bicicleta partido de Belgica. Das war eindeutig, damit konnte nur ich gemeint sein, und vernahm die Ankündigung nicht ohne Stolz. Nach dem Segen wird wie jedes Mal der Botafumeiro angezündet. Das ist ein überdimensionales Rauchfass, das von sechs Männern in Gang gebracht wird und durch das ganze Querschiff schwingt. Seit alters her hat dieses Kultgerät auch den nützlichen Effekt, die vielfältigen Pilgergerüche etwas zu verdrängen. Der Abend ist schon angebrochen, bis ich schließlich wieder in die Herberge Aquario begebe. Da Treffe ich auf Ute mit ihrer Tochter Hannah, genau weiß ich gar nicht mehr, wie es dazu kam, jedenfalls haben wir beschlossen, morgen gemeinsam mit den Bus nach Kap Finisterre zu fahren. Das kam mir nämlich ganz gelegen, denn ich wollte ohnehin einwenig vor dem Pilgertrubel flüchten. Ich bekomme Hannahs Rucksack, um das nötigste für zwei Tage mitnehmen zu können. Der Bus fährt morgen um viertel vor zehn

Eine sehr persönliche Sache gibt es noch zu berichten. In der Herbergsliste habe ich die Namen von Resi und Barbara gefunden, sie hatte ich im vergangenen Jahr auf dem camino kennen gelernt, leider aber durch den Autounfall meine Aufzeichnungen mit ihren Namen und Adressen verloren. Nun freue ich mich sehr über die Möglichkeit, dass ich zu Hause wieder mit ihnen Kontakt aufnehmen kann.

Reiseweg
zum 28. Tag

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