20. Tag

Mittwoch 15.07.04
von Burgos nach Carrion de los Condes
– Fahrzeit 7,00h – Wegstrecke 98km – Summe 1711km – Temperatur 10 – 32°C

Es ist noch recht dunkel, als ich in der früh um sechs Burgos verlasse will. Doch muss ich rasch berichten, was vorher passiert ist. Eewould wollte heute wieder alleine weiterziehen, weil er eher ans Ziel kommen möchte. Kurz vor seiner Abfahrt große Aufregung. Mein Tacho, Höhenmesser, und Kompass sind verschwunden; jedenfalls nicht vorne rechts außen in der Lenkertasche, da, wo ich sie normalerweise über Nacht hinstrecke. Die Suchaktion geht los; Eewould hilft mir freundlicherweise dabei, obwohl er eigentlich schon längst los wollte. In Lenkertasche, Packtaschen, Packsack, Schlafsack, im Bett, unter dem Bett, nichts zu finden. Weg ist weg, denke ich schon, werde halt so lange warten bis die Geschäfte öffnen, und mir einen neuen Tacho kaufen. Eine gute halbe Stunde ist bereits vergangen und die Suchaktion ist längst abgebrochen, da kommt Eewould auf mich zu, und fragt mich: „Wie wäre es, wenn ich dir jetzt eine große Freude mache?“ und drückt mir die drei gesuchten Teile in die Hand. Ich bin überglücklich, die hatte ich gestern Abend draußen auf einer Bank liegen lassen, während ich einem Radfahrer beim Einstellen seiner Bremse half. Der Abschied von Eewoudt war nachher um so herzlicher. Vor meiner Abfahrt habe ich einem Pilger – Pferd, das sich losgemacht hatte und nun frei in der Dunkelheit umherirrte, wieder an seinen angestammten Platz zu den anderen Pferden gebracht und angebunden. Vielleicht eine gute Tat aus Dankbarkeit für die zurückgefundenen Sachen. Das Pferd hätte ja leicht auf die nahe Straße laufen können. Jetzt bin ich also wieder auf dem Weg, den Lichtkegel meiner Beleuchtung vor mir. In Tardajos ist es noch viel zu früh, dass ich Paco besuchen könnte (siehe Santiago 2003). So komme ich zwei Orte weiter in Villanueva de Argaño an, wo es gleich am Dorfeingang herrlich nach frischem Brot duftet. Der Laden hat natürlich noch nicht auf, vom Duft wie magisch angezogen halte ich an und während ich noch überlege, wie ich wohl an diese Köstlichkeit gelangen könnte verlässt ein kleiner Lieferwagen den Hof. Der Fahrer liest offensichtlich meine Gedanken und gibt mir ein Zeichen wohin, ich gehen muss. In der Backstube bekomme ich ein ofenfrisches Brot und zwei duftende Croissants. Bei dem Gedanken an mein Frühstück läuft mir das Wasser im Mund zusammen und am liebsten würde ich gleich hinein beißen. Mein Frühstück hatte ich nämlich bei der morgendlichen Aufregung ganz vergessen. Ein paar Kilometer weiter, an dem Abzweig links nach Yudego im Schutz einer Bushaltestelle ist Frühstückspause, ein heißer Kakao und die frischen Croissants.

Hier in diesem Betonhäuschen liegen auf der Bank fünf Plastiktüten fein säuberlich nebeneinander aufgreiht. Ich vermute, dass der Bäcker hier sein Brot verteilen soll; da schiebe ich die Tüten zusammen und mache mir mein Frühstück zurecht. Nachher verlasse ich natürlich alles wieder so, wie ich es vorgefunden habe. Über die Brücke kreuze ich die neue Autobahn, auf einem schmalen Weg geht’s hinunter nach Yudego und noch tiefer nach Villandiego. Hier kenne ich mich wieder aus, denn es folgt jetzt ein lang gezogener Anstieg zu einer Hochebene. Da oben findet man ganz eigenartige Formationen von Steinhaufen in Reihen geschichtet. Sind es Reste einer Siedlung? Haben sie eine kultische Bedeutung, oder hat man die Steine von den Feldern einfach zur Seite geräumt? Ich muss der Sache einmal auf den Grund gehen.

seltsame Steingebilde bei Villandiego

seltsame Steingebilde bei Villandiego

In Hontanas kehre ich bei Vitorio ein, da gibt es gute bocadillos con queso o jamon (mit Käse oder Schinken belegte Brötchen), doch ich trinke nur einen cafe con lece und ziehe wieder weiter. Durch eine Schatten spendende Allee komme ich nach San Anton, die Ruine eines ehemaligen Kloster, die Straße führt mitten durch den ehemaligen Portikus.

eine schattige Allee bei San Anton

eine schattige Allee bei San Anton

eine schattige Allee bei San Anton

eine schattige Allee bei San Anton

Ich erreiche Castrojeriz; die Sonne brennt unbarmherzig aber ich  muss weiter ich in Richtung Matajudios. Am Ortsausgang habe ich offensichtlich die falsche Richtung eingeschlagen, weil es kein Hinweisschild dahin mehr gibt. Nach Karte und Kompass müsste ich mich tatsächlich etwas mehr nach Westen orientieren. Der nächste Feldweg verbindet die beiden Straßen miteinander, frage aber zur Sicherheit einen Bauern, der da gerade an einem Bewässerungssystem hantiert, nach ddiesem Ort „Matajudios“. (zu Deutsch Judentöter)
So einen Ortsnamen dürfte es in Deutschland gewiß nicht geben sage ich ihm. Als sei er persönlich getroffen verteidigt er sich ganz spontan, nicht wir Spanier, erklärt er mir, sondern ein Pflanze, von der die jüdischen Bewohnern aßen, hätte ihnen den Tot gebracht. Klingt plausibel, für mich aber dennoch fragwürdig. Gibt es doch im Spanischen auch die Bezeichnung Matamorros (Maurentöter) als Namensattribut für Santiago. Jedenfalls erreiche ich dieses armselige Örtchen nach ein paar Kilometern.

Wenig später überquere ich den Pisuerga, – das ist der Grenzfluss zwischen Castilien und Palenzia, – die lange schmalen Brücke verbindet die beiden Privincen miteinander.

Brücke über den Pisuerga

Brücke über den Pisuerga

In Fromista muss man anhalten. Am Ortseingang überrascht ein mächtiges Bauwerk aus alter Zeit; es ist ein Wasserwehr das zum Canal de Castilla gehört. Diese Bauwerke sind Bewässerungsanlagen, die mit viel Erfahrung und Sachverstand ursprünglich von den Arabern gebaut wurden.

Im Ort selbst kann man die spätromanische Kirche San Martin besuchen, ein sehr harmonisch vollkommenes Bauwerk.

Brücke über den Pisuerga

Brücke über den Pisuerga

Weiter führt mein weg nach Villalcazar de Sirga und hier die Kirche Santa Maria la Blanca auch sie ist eine Besichtigung Wert. Das Relief über dem Eingangsportal ist besonders beeindruckend, eine ganz besonders schöne Steinmetzarbeit. Was für einen Glauben und welche Opferbereitschaft müssen die Menschen aus früherer Zeiz wohl gehabt haben, um solch herrliche Bauwerke zum Lobe Gottes zu erstellen.

Santa Maria La Blanca in Villalcazar de Sirga

Santa Maria La Blanca in Villalcazar de Sirga

Foto: das Relief über dem Portal zeigt Christus als Richter oben und die Ankunft der Könige, unten

Foto: das Relief über dem Portal zeigt Christus als Richter oben und die Ankunft der Könige, unten

Im Portikus der Kirche in Carrion de los Condes

Im Portikus der Kirche in Carrion de los Condes

Nun sind es nur noch wenige Kilometer bis Carrion de los Condes meinem heutigen Etappenziel. Ein kleines aber resolutes Herbergsmütterchen führt hier ein strenges Regiment und wehe man macht etwas, was sie nicht gut findet. Die wenigen vorhandenen Steckdosen sind allenfalls zum Aufladen der unzähligen Handys, aber nicht für die Ladegeräte irgendwelcher anderen Batterien gedacht. Ich habe mich bei ihr ins Fettnäpfchen gesetzt. Vor dem Abendessen mache ich noch einen Besuch in die Dorfkirche, und während ich noch hinten in der Kirchenbank sitze kommt mein Holländer Eewoudt herein. Er ist in der Herberge bei Santa Clara im gleichen Ort. So hatten wir unverhofft nochmals die Gelegenheit für ein paar gemeinsame Stunden denn wir nahmen gemeinsam unser Abendessen in der preiswerten Pilgergaststätte gegenüber der Kirche.

Reiseweg
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