14. Tag

Dienstag – 22.07.2003

von Arca nach Santiago – nur noch 19 km bis Santiago

Das ist ein ganz besonderer Tag, denn ich werde heute am Ziel ankommen, was ich mir nun schon seit Jahren erträumt habe. Es ist ja nur noch ein Katzensprung. Also, wenn man nur will, erreicht man auch sein Ziel, aber ich hatte für mein Unternehmen gewiss auch einen guten Schutzengel und da oben ist sicher einer, der die Hand über mich gehalten hat und auch weiterhin halten wird, damit ich heil mein Ziel erreichen und gesund und glücklich meine Lieben zu Hause wieder sehen werde.
Nach einer recht feuchten Nacht bin ich dann voller Erwartung bereits um sechs Uhr aufgestanden und habe erst einmal ausgiebig gefrühstückt. Mein Brot von gestern, eine Dose Ölsardinen, ein gekochtes Ei und einen Becher Tee, fast fürstlich könnte man das nennen. Zwei Stunden dauert die ganze Prozedur vom Aufstehen bis zur Abfahrt, wenn man mit dem Zelt unterwegs ist und alles einigermaßen ordentlich wieder verstauen und hinterlassen will. Eine heitere Fahrt auf dem camino führt jetzt nur noch selten bergauf und sondern immer mehr bergab, immer weiter dem Ziel entgegen. Alle Sorgen, Nöte, Hitze, Kälte und Beschwerden sind vergessen.

La Lavacolla

La Lavacolla

Ich fahre an einem Ortsschild La Lavacolla vorbei und schmunzele ein bisschen, weil ich die Bedeutung dieses Ortsnamens kenne. Der Pilger der früher wochenlang, ja oft gar jahrelang nicht die rechte Möglichkeit fand sich zu waschen und buchstäblich stank vor Schmutz und Dreck, soll hier sich und seine Kleider zur Vorbereitung auf die Ankunft gründlich reinigen. Wörtlich übersetzt bedeutetder Ort etwa „die Hinternwäsche“ Vielleicht hat sich einer ob dieses Ortsnamens geschämt, denn das Ortsschild finde ich verändert vor. Irgend ein Witzbold hat aus den „c“ ein „p“ gemacht, so dass daraus „La Lavapolla“ wurde, was dann vielleicht soviel wie Hühnchen waschen bedeutet. Ich drehe eine Ehrenrunde durch das Dorf vorbei an Kirche und Marktplatz, kreuze wiederholt ein paar große Straßen, dass ich fast die Orientierung verliere und tauche auf der anderen Straßenseite ab in einen Eukalyptuswald. Mein nahes Ziel vor Augen folge ich unbeirrt den gelben Pfeilen, oder den gelben Pilgermuscheln auf blauem Grund. Ein letztes Mal noch gerate ich an einem steilen Hügel in Schwitzen. Oben angekommen muntert mich ein Einheimischer auf: „Höher geht es nun nicht mehr und schon nach 2 km siehst du Santiago vor dir liegen“ ruft er mir zu. Vorbei am Monument auf dem Monte do Gozo (Freudenberg).
Da sehe ich plötzlich die vertraute Silhouette der Stadt vor mir. Santiago de Compostela, ich bin angekommen. Endlich da, Gott sei Dank! Ich bin außer mir vor Freude und Glück, endlich mein Ziel erreicht zu haben.

in der Bannmeile

in der Bannmeile

in der rua de San Pedro

in der rua de San Pedro

Ich durchfahre die riesige in Terrassen angelegte „Pilger-Übernachtungsanlage“ unterhalb des Monte Gozo, die für etwa 800 Pilger Platz bietet. Diese Massenabfertigung schreckt mich jedoch ab, und ich eile gleich weiter in die Stadt hinein. Recht bald gelange ich an eine erste Informationsstelle, wo ich erfahre, wo ich die kleine Herberge finde, bereits von der ich aus einem Prospekt aus in Arca schon erfahren habe. Während der Weiterfahrt stadteinwärts winken mir Birgitta und Jürgen schon von weitem entgegen. Sie waren bereits gestern angekommen und sind nun schon wieder auf dem Heimeg zum Flughafen, ihr Flieger startet noch an diesem morgen nach Düsseldorf. Wir erzählen uns noch ein wenig, wie es auf dem restlichen Weg ergangen ist. Von Ihnen erfahre ich, dass Valentin, Marcel und Hans ebenfalls zusammen angekommen sind und heute Mittag mit nach Brüssel zurückfliegen. Wir wünschen uns gegenseitig noch eine gute Zeit und eine glückliche Heimreise und nehmen so Abschied voneinander. Bon Camino, Birgitta und Jürgen.
Nach einigem Suchen und Fragen finde ich in der Via Stocolmo unterhalb von San Lazaro die kleine Unterkunft mit etwa 40 Plätzen, wo ich gleich drei Übernachtungen für mich belegen lasse. Während ich mein Gepäck ablade, entdecke ich die Räder von Resi und Barbara; sie haben also auch den Weg hierher gefunden. Ich wasche mich und mache mich für die Einfahrt ins Zentrum fertig.

Jetzt ohne Gepäck geht es doch viel leichter. Über die Rua das Fontinas, den Barrio dos Conicheiros und die Rua di San Pedro gelangt man zur Porta do Camino. Hier beginnt das Zentrum der Stadt, sozusagen der heilige Bezirk. Eine stumme Freude lässt mich innerlich aufjauchzen, denn ich bin ja wirklich angekommen. Die Häuser rücken immer näher zusammen die Gassen werden enger, auf einer Straßenseite findet man immer Schatten, denn es ist heiß, sehr heiß heute. Vorbei an kleinen alten Votivkapellen über die Praza Cervantes, und schließlich stehe ich vor der Kathedrale mitten auf der Praza do Obradoiro.

an der Porta del camino

an der Porta del camino

rua dos casas Reis

rua dos casas Reis

Aber ich betrete noch nicht gleich die Kathedrale, denn als Erstes will ich in der Oficina de Acogida do Pregrino (die Empfangsstelle für Pilger)meine Ankunft anmelden. Durch ein Rundbogentor links vom Vorplatz gelangt man in eine Einganghalle, dort kann ich mein Rad abstellen und beruhigt auch stehen lassen. Ich steige die Treppe hinauf in die erste Etage und reihe mich in die Schar der wartenden Pilger ein, um stolz meinen mit Stempeln gefüllten Credencial vorzuzeigen. Ich werde freundlich begrüßt und in das allgemeine Pilgerbuch eingetragen. Dann erhalte „La Compostela“, meine Pilgerzeugnis, in Latein geschrieben, wie es bereits seit dem 14. Jahrhundert üblich ist. Wieder im Erdgeschoß unten an der Rezeption kann ich für 53 Euro eine Busfahrkarte erwerben. Die Rückfahrt mit dem Rad am 25. um 18 Uhr nach Irun ist somit gesichert und dieses Problem wäre auch gelöst.

die Plazuela de Fonsecca

die Plazuela de Fonsecca

Gernot und John auf der Plazuela de Fonsecca

Gernot und John auf der Plazuela de Fonsecca

Zurückgekehrt zu meiner Herberge, trete ich nach einem ausgedehnten Mittagessen nun nochmals aber zu Fuß den Rest des Pilgerweges an, quasi um den ganzen Eindruck nochmals zu genießen. Unterwegs treffe ich John den Engländer und trinke, eine Tasse Kaffe mit ihm. Endlich bin ich wieder bei der Kathedrale angekommen steige nun endlich die Freitreppe hinauf und bin schon am Portico de la Gloria angelangt, das ist die große Vorhalle der Kathedrale. Ich reihe mich ein in die lange wartende Menschenschlange und erreiche endlich die Stelle unterhalb der Jakobusstatue, an der bereits Millionen von Pilgern ihre Hände in die beiden Höhlungen hineingelegt haben als Zeichen völliger Hingabe und Dankbarkeit.

vor der Kathedrale

vor der Kathedrale

die Propheten am Haupteingang

die Propheten am Haupteingang

Jakobs - Säule am Pórtico de la Gloria

Jakobs – Säule am Pórtico de la Gloria

Etwas verlegen ahme ich nach, wie es alle vor mir tun. Daraufhin betrete ich das Gotteshaus, es geht hinauf zum Hauptaltar zur Jakobsbüste mit den Reliquien darin, und beende die Pflichtübung mit einem Abstieg hinab in die Krypta unter dem Hauptaltar. Ich verweile noch eine ganze Zeit in dem Gotteshaus überglücklich und zufrieden und in Gedanken durchwandere ich noch einmal alle die Augenblicke meiner Pilgerfahrt. Jetzt wieder zur Realität zurückgekehrt denke ich endlich daran, dass es Zeit wird nach Hause zu telefonieren, um meine glückliche Ankunft mitzuteilen. Der tägliche Kontakt mit einem SMS nach Hause hatte ja gut funktioniert. Nach meinem Telefonat treffe ich auf Magda, die Polin aus Lodz; sie hatte mich, wie sie mir sagt, bereits in der Herberge gesehen und bittet mich ihr Kleingeld zum Telefonieren zu wechselen. Wir kommen ins Gespräch und bleiben für den Rest des Nachmittages zusammen, schlendern gemütlich durch die Stadt, essen gemeinsam etwas zu Abend irgendwo in einem Lokal und kehren später zur Herberge zurück

zum 15. Tag

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